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Transkript zu Episode 13: „Humor und Selbstironie machen uns weniger verletzlich.“ Woher kommt Humor, wie kann er uns schützen, und gibt es Grenzen? Ann-Kathrin Canjé im Gespräch mit den Autoren Tommy Krappweis („Bernd das Brot“) und Joy Chun („Moooment“).

„Ein Freiraum, der Scheitern zulässt.“ Für die Zukunft wünschen sich Tommy und Joy, dass Kindermedien immer den Mut zu Kreativität haben. Außerdem: Ist Bernd das Brot heute glutenfrei?

Joy Chun: Einen riesigen Stellenwert hat Humor bei Kids. Ich glaube, wenn man die beobachtet, also jetzt unabhängig von irgendwelchen Formaten, dann merkt man das ja auch, wie die mit Humor umgehen. Es ist auch mit zunehmendem Alter, und welche Facetten die dazulernen, schweißt ja auch zusammen, wenn man gemeinsam über Sachen lachen kann. Deswegen hat das einen sehr hohen Stellenwert.

Tommy Krappweis: Ich finde, dass man von Bernd tatsächlich, das ist jetzt etwas ganz Banales, eine gute Sprache lernen kann, weil er wahnsinnig komplizierte Wörter verwendet. Weil er überhaupt nicht versucht etwas kindgerecht, im Sinne von infantil, auszudrücken, damit es jeder versteht. Nein, der spricht so, wie er spricht. Man wächst so ein bisschen mit und an Bernd. Wenn man das möchte, kann man das. Und das andere ist natürlich das Bernd dir vorlebt, dass du mit Humor und Selbstironie weniger verletzlich bist.

[Intro] „Generation Alpha – Der KiKA-Podcast“

Bernd: Test. Eins, zwei, drei – hört mich jemand? Gut.

Ann-Kathrin Canjé: Willkommen zu einer neuen Folge, heute nicht mit „Bernd das Brot“, sondern mit mir – Ann-Kathrin Canjé. Ich bin Kulturjournalistin und wir widmen uns in dieser Folge dem Thema Humor. Ich freue mich sehr dazu gleich zwei tolle Gäste im Gespräch zu haben, für die, das behaupte ich jetzt einfach mal, Humor nicht nur Beruf sondern auch Leidenschaft ist. Zumindest denke ich das, wenn ich auf ihre Lebensläufe schaue. Joy Chun macht schon seit 15 Jahren Comedy, der hat für Formate wie „Schillerstraße“, „Ladykracher“ oder „TV-Total“ geschrieben, ist Creative Producer, Autor, Regisseur und obendrauf noch BWL-Absolvent. Er schreibt nicht nur für die Show Fiction und Bühnenprogramme, sondern ist auch Geschäftsführer der Produktionsfirma Collabo. Und Joy ist Headautor des KiKA-Formates „Moooment!“, über das wir heute auch noch sprechen werden. Tommy Krappweis macht Comedy eigentlich schon seit er neun Jahre alt war, ist nicht nur Mit-Erfinder von „Bernd das Brot“, mit dem ich groß geworden bin, sondern auch Stuntman, Buchautor, Podcast-Autor, Sänger, Regisseur und Produzent etwa von der Reihe „Ferngespräch“ auf dem Twitch-Kanal „WildMics“. Das spricht er mit seinen Gästen zum Beispiel über Verschwörungsmythen. Darum soll es heute nicht gehen, sondern um die Arbeit mit Humor, die beide verbindet. Und hier haben Sie auch eine Vision für die Zukunft der Generation Alpha mitgebracht, in die wir mal reinhören.

Tommy Krappweis: Ich glaube, dass diese Generation es nicht nötig hat, dass man sich für sie humortechnisch etwas wünscht. Außer vielleicht, dass sie den Weg weiter beschreitet, den sie schon beschreitet. Nämlich zu versuchen weniger Gefühle von Menschen zu verletzen, die sich schwer wehren können. Aber so grundsätzlich wünsche ich mir für die Generation Alpha, dass entweder die vorherigen Generationen, die jetzt momentan noch an den Stellhebeln sitzen, raffen, wieviel scheiß sie bauen und umkehren. Oder dass die Generation Alpha, wenn sie dann irgendwann mal an diesem Hebel sitzt, ihn in die richtige Richtung stellt. Hoffentlich vorwärts und nicht rückwärts.

Joy Chun: Na, was wir ja gemacht haben bei „Moooment!“ war ein Freundeskreis von diesen sechs Kids zu schaffen, die es irgendwie geschafft haben, untereinander alles anzusprechen und mit Themen umzugehen und mit einer gewissen Leichtigkeit auch. Das ist ja so ein bisschen eine Wunschwelt auch, die wir damit geschaffen haben. Und ich würde das Kids wünschen, dass die - es muss ja keine Clique sein - aber es muss dann. Also wenn es so ein Umfeld gibt, wo die genau das machen können, fände ich schön.

Ann-Kathrin Canjé: Mit Joy und Tommy soll es um gemeinsames Lachen gehen. Welchen Stellenwert Humor für Kinder hat und wie man eigentlich auf Ideen für neue Comedy-Formate für die Generation Alpha kommt. Gemeinsam sprechen wir über die persönliche Bedeutung von Humor. Welche Grenzen er auch hat und warum lachen, ganz platt gesagt, auch einfach mal sein muss. Hallo Joy? Hallo, Tommy. Willkommen bei uns im Podcast.

Tommy Krappweis: Hallo zusammen.

Joy Chun: Hallo

Ann-Kathrin Canjé: Schön, dass ihr da seid. Wenn ich an Humor in der Fernsehlandschaft meiner Kindheit denke, dann denke ich da zum Beispiel an Bernd, Briegel und Chili, mit denen ich viel Zeit verbracht habe bei KiKA. An „Pumuckl“ auch oder an „Disneys große Pause“ und später habe ich dann auch „Die Simpsons“ sehr gerne geschaut, heimlich mit meinem großen Bruder. Und ich weiß gar nicht, ob ich die damals so als Comedy-Formate wahrgenommen habe als Kind. Ich würde gern zum Einstieg von euch mal wissen: Welches Comedy-Format oder welche Comedy-Serie habt ihr als Kind selbst gern geschaut?

Joy Chun: Puh. Also erstmal habe ich damals alles konsumiert, was ich durfte, wenn ich mal durfte. Da waren Cartoons. Ich weiß noch ganz genau: „Tom und Jerry“, weil ich dieses Zeitgefühl nicht hatte und dann immer genau wusste: Okay, wenn er sich jetzt ans Klavier setzt und die Abspannmusik quasi läuft, dann ist es leider vorbei. Und das war dann immer sehr traurig. Aber genau, Cartoons habe ich ganz viel geschaut und später dann auch „Pumuckl“. Das, was du auch gesagt hast. Mit den Visual Effects, das war wirklich mind-blowing damals, wie der einfach verschwunden ist. Und Mr. Bean, an den kann ich mich auch noch sehr gut erinnern.

Ann-Kathrin Canjé: Tommy, wie war das bei dir?

Tommy Krappweis: Naja also, ich habe sehr viele Dinge geguckt, die Comedy beinhalten. Aber Comedy-Shows tatsächlich - so, als ich aufgewachsen bin. Ich bin jetzt ein halbes Jahrhundert alt - Comedy-Shows die wirklich - sagen wir es mal so, ein Format, das gesagt hat: Wir unterhalten jetzt mit Comedy. Nicht ein Fiction-Format, in dem ist auch lustig ist - da gab es nicht so wahnsinnig viel. Da gab es vielleicht „Nonstop Nonsens“ mit Didi Hallervorden. Dann gab es, ganz früh gab es „Klimbim“, eine Sendung von Michael Pfleghaar, die für seine Zeit sehr innovativ war, was Comedy angeht und sehr viel Brüste gezeigt hat. Ich weiß nicht mehr genau, was von beidem mich mehr interessiert hat. Und dann gab es noch so ab und zu mal amerikanische oder englische Dinge, teilweise auch auf Deutsch übersetzte Stand-Ups, die ich mir angeguckt habe. Bei mir gab es ARD, ZDF, BR und wir konnten noch Österreich 1 und Österreich 2, also ORF, empfangen - Das war's. Das heißt wenn ich Fernsehen konnte, habe ich das geguckt. Und dann war das jetzt zweitrangig genau, was das ist, sondern Hauptsache es war da. Aber die ganzen Fiction-Formate, die ich geguckt habe, die hatten ja auch fast alle extreme Comedy-Elemente. Also die Augsburger Puppenkiste zum Beispiel oder die Muppet-Show, wo man ja fast schon wieder sagen könnte: Ist die Muppet-Show nicht sogar eine Comedy-Show? Also ich habe eigentlich selten Dinge geguckt, in denen Humor nicht eine maßgebliche Rolle gespielt hat.

Ann-Kathrin Canjé: Und trotzdem sind jetzt auch vielleicht die Serien eher, die Joy auch genannt hat oder Formate oder vielleicht Künstler/Comedians über die du jetzt sprachst, finden manche Menschen bestimmte besonders humorvoll, andere können dann gar nicht drüber lachen. Es gibt ja auch nicht so eine einheitliche Definition für Humor und der bedeutet eben für jeden Menschen vermutlich etwas Anderes. Und etymologisch, das fand ich ganz spannend, kommt das Wort ja aus dem Lateinischen bedeutet: Flüssigkeit. Und im Duden steht, dass Humor „die Fähigkeit und Bereitschaft auf bestimmte Dinge heiter und gelassen zu reagieren ist“. Was bedeutet Humor denn ganz persönlich für dich, Tommy?

Tommy Krappweis: Das ist das größte, wichtigste und allumfassendste Lebenselixier, das ich habe, das mir immer bei allem grundsätzlich hilft. In der Familie war das das A und O, also zum Beispiel ohne jetzt zu weit auszuschweifen, aber ich konnte mit meinem Vater und er mit mir jetzt nicht so wahnsinnig viel anfangen, weil unsere Interessen so getrennt waren. Also wir haben uns liebgehabt, aber wir konnten nicht so richtig was zusammen machen. Also er war Leistungssportler und ich das Gegenteil. Ja und das war wirklich manchmal ein bisschen traurig, aber wir hatten den Humor beide und konnten beide einen Schritt zurück machen und darüber lachen, dass wir so unterschiedlich sind. Und das wiederum hat uns zusammengehalten. Also natürlich neben vielen anderen Dingen. Und als wir dann viel später, da war mein Vater dann so um die 70, angefangen haben zusammen Bücher zu schreiben über unsere Unterschiedlichkeit, war auch der Humor wirklich die Rettung. Also insofern, ich könnte wahrscheinlich keinen Punkt in meinem Leben finden, wo Humor nicht, naja ich will es nicht übertreiben, 110 Prozent wichtig war.

Ann-Kathrin Canjé: Schön. Joy, was bedeutet Humor für dich?

Joy Chun: Also für mich ist es natürlich auch super, super wichtig. Und ich erinnere mich da an diesem Moment in der Schule, klar, wo man lustige Situation hatte. Aber mal davon abgesehen war das immer das erste worauf ich instinktiv irgendwie, oder intuitiv, zurückgegriffen habe. Wenn auch mal, wenn es auch mal eine schwierige Situation gab, dann hatte das immer etwas Befreiendes, einen Scherz drüber zu machen und das Ganze aufzulockern. Das hatte etwas Befreiendes. Also ich habe es in ganz vielen Situationen angewendet und es waren halt nicht nur diese - man sitzt eh lustig beisammen und erlebt was Tolles und dann ist Humor mit dabei - sondern auch in anderen Situationen.

Ann-Kathrin Canjé: Humor also als Hilfe, als Brücke oder als Element, das Menschen verbinden kann. Ein kleiner Einwurf an dieser Stelle, da die Humorforschung wirklich ein spannendes Feld ist. Schon Aristoteles, Platon, Cicero und Freud haben verschiedene Theorien aufgestellt, welche Arten von Humor Menschen nutzen und wieso. Das ist jetzt schon eine Weile her, aber die Wissenschaft heute unterscheidet bei Humor meist in vier verschiedene Stile. Dazu zählen neben dem verbindenden Humor und selbststärkenden Humor, so als die positiven Stile, noch der aggressive und selbst entwertende Humor als negative Humorstile. Mal so runtergebrochen zielen die positiven Stile wohl eher darauf ab, ernste Situationen aufzulockern / Menschen zu verbinden, während die negativen Stile eher das Gegenteil wollen. So etwas wie Schadenfreude gehört dazu, also auf die Kosten anderer Witze machen, sie beeinflussen oder verletzen oder sich selber runtermachen. So viel zur Theorie. Ich habe Joy und Tommy gefragt, wie Sie auf diese Humorstile blicken und welche Sie am ehesten nutzen.

Tommy Krappweis: Also das finde ich ganz interessant. Denn jetzt mal abgesehen davon, ob man es aus einem bestimmten Grund macht, außer Leute zum Lachen zu bringen: Der selbst entwertende Humor ist ein ganz wichtiger Baustein für bestimmte Stand-Up-Techniken, weil der Mann sich dort oder die Frau oder wer auch immer dort oben hinstellt ans Mikro und entblößende Dinge erzählt, die man erkennt oder nicht erkennt oder wie auch immer oder eben auf eine bestimmte Art wertet. Und das ist dann wahnsinnig komisch. Und es ist absolut richtig, dass das entwaffnend ist. Ich erinnere mich, dass ich das relativ oft, gerade als ich jünger war, verwendet habe, weil es mich unangreifbar gemacht hat auf eine Art. Ich würde es auch selbst, vielleicht kann man es etwas vorsichtiger ausdrücken, und sagen „selbstironisch“ vielleicht oder „selbstkritisch“ oder wie auch immer. Also „selbstentwertend“ klingt natürlich, als würde man sich selbst total scheiße finden, was nicht zwangsläufig der Fall sein muss, aber ich finde das einen ganz wichtigen Bestandteil gerade für Stand-Up. Es verschwimmt so mit schonungsloser Ehrlichkeit, was auch einen gewissen Humoranteil hat. Aber bei mir privat ist es so, dass der fast schon surreale Humor, wie zum Beispiel die Marx Brothers in zelebriert haben, der ist, der mich am leichtesten und am wenigsten analytisch zum Lachen bringt.

Joy Chun: Also dadurch, dass Tomym und ich, wir beide, das ja beruflich machen, bedienen wir, glaube ich, ganz viele Stile von denen, je nach Bedarf sage ich jetzt mal. Aber wenn ich meinen eigenen Humor beschreiben müsste, wäre das ein sehr trockener. Ich weiß gar nicht warum. Ich glaube ich mag so diesen trockenen Humor. Ich genieße auch teilweise die Situation ganz unbewusst, wenn man bei mir nicht ganz einordnen kann: Okay, meint er das jetzt wirklich ernst oder was sollte der Kommentar? Darauf greife ich irgendwie automatisch immer zurück. Aber wie gesagt: Dadurch, dass wir es beruflich machen… Wir haben da, glaube ich, auch einen anderen, eine andere Perspektive drauf, weil ihr analysieren ja Sachen auch automatisch.

Ann-Kathrin Canjé: Wenn ich jetzt an humorvolle Menschen in meinem Umfeld denke oder beim Aufwachsen, da merke ich schnell wie krass da so die Unterschiede waren. Jetzt haben die das natürlich auch nicht beruflich gemacht, so wie ihr, aber in Witzen, die gemacht wurden oder auch über wen Witze gemacht wurden, wie das Humorverständnis da war. Und ja, wie sich das auch gewandelt hat in den letzten Jahren, wenn man auch nochmal gesamtgesellschaftlich schaut. Also, so konkret etwas wie Blackfacing, Yellow Facing, bestimmte Akzente oder Dialekte nachmachen, da laufen ja heute teilweise im öffentlich-rechtlichen Programm noch Sendungen oder Witze bei denen man sich dann echt fragen müsste, ob das noch Produktionen von vor 20 Jahren sind? Und auch zahlreiche Debatten aus der Comedy-Szene der letzten zwei, drei Jahre stellen ja auch immer wieder diese Frage in den Fokus: Was darf Humor und was darf er nicht? Das ist eine superschwierige Frage und eine große. Aber was sollte Humor im Jahr 2022 wirklich nicht mehr machen?

Joy Chun: Da so ganz allgemeingültig eine Grenze zu ziehen ist auch schwierig. Aber also, wenn wir jetzt Bezug nehmen auf „Moooment!“, auf die Serie, die wir für die Kids geschrieben haben wo es um Alltagsrassismus ging. Da geht es halt genau darum, dass wir halt keine Gefühle verletzen wollen. Und diese Grenze war da ganz klar bezogen auch von Anfang an. Und die Gags oder die Mechanismen... Es gibt ja ganz viele Methoden, die funktionieren, ohne dass man in irgendeine Richtung treten muss. Und ohne dass man, dass das dann ausgelöst wird, dass irgendjemand sich das anschaut und dann denkt: Nein, finde ich verletzend. Also das muss man nicht machen, finde ich. Gerade wenn wir jetzt so über Kinderformate sprechen. Also gerade da ist es ja super richtig. Wenn das jetzt für Erwachsene ist, dann habe ich da kein Problem damit, wenn dann sich Leute auf die Füße getreten fühlen. Also sonst könnten wir es ja gar nicht mehr machen. Aber gerade bei Kindersendungen und gerade bei dem Thema Alltagsrassismus war das, stand das ganz oben bei uns, dass wir darauf geachtet haben.

Ann-Kathrin Canjé: Tommy, wie ist das bei dir?

Tommy Krappweis: Ja, die Frage wird ja immer gestellt: Was darf denn Humor? Und das Schwierige daran ist, dass er in einer Gesellschaft, wie wir sie versuchen zu pflegen, eigentlich alles können dürfen muss. Das heißt aber nicht, dass man das auch machen muss.

Joy Chun: Genau.

Tommy Krappweis: Die Gesellschaft ist eigentlich diese übergeordnete Person, die so ein bisschen mitdiktiert, oder idealerweise mitdiktiert, was man denn in Anführungsstrichen „darf“ im Sinne von was okay ist und was man scheiße findet. Und das wandelt sich Gottseidank. Das finde ich großartig, dass sich das wandelt. Und wie du schon gesagt hast, innerhalb von zwei Jahren sind wir da jetzt wirklich in Bewegung geraten. Endlich mal. Die auch uns immer wieder zum Nachdenken anregen oder man sagt: Moment, du hast absolut recht. Das geht wirklich nicht. Und das heißt aber dann nicht, dass es nicht geht im Sinne von: Ich könnte jetzt nicht auf eine Bühne gehen und das sagen - das kann ich. Ich muss nur dann halt damit leben, dass da Leute um mich herum sind, die sagen: Was bist du für den Arsch? Und das muss ich dann halt akzeptieren. Und zu dem irgendwohin treten. Da habe ich noch gemerkt, es gibt für mich noch einen Unterschied zwischen kritisieren und treten. Als Beispiel: ihr kritisiert ja in eurer Sendung schon den Umgang… zum Beispiel dieser einen Lehrerin, die sagt: Wir sind jetzt rassismusfreie Schule. Und die wird ja kritisiert in ihrer Art, wie sie das offensichtlich überhaupt nicht versteht. Aber sie wird ja nicht getreten.

Joy Chun: Genau. Tommy, was du gesagt hast: Natürlich kann man Sachen ansprechen. Und dann kommt es natürlich absolut auf die Haltung dahinter an. Und was ist die Absicht? Wenn man einfach jetzt nur Sachen anspricht um provozieren zu wollen, geht das schon mal, finde ich, geht das nicht. Ja, aber...

Tommy Krappweis: Machen Leute trotzdem, aber find ich halt scheiße.

Joy Chun:  Man kann aber auch Sachen ansprechen, um auf Sachen hinzuweisen. Und auch wenn dieselbe Sache damit gemeint ist, würde das dann wiederum in meinen, also meiner Meinung nach funktionieren. Und das darf es dann auch.

Tommy Krappweis: Genau. Und noch eine Sache ist mir noch eingefallen, weil es wurden auch Dialekte und Akzente erwähnt. Ich bin da noch unsicher, muss ich sagen, wie wir da in Zukunft damit umgehen, weil meiner Meinung nach oder meiner momentanen Meinung nach - Das ändert sich tatsächlich, das fluktuiert, weil immer neue Erkenntnisse dazukommen - Aber mein Gefühl ist, dass man eigentlich Akzente und Dialekte insbesondere schon noch parodieren können dürfen müsste, ohne dass sich allzu viele Menschen aufregen. Außer wenn es dann natürlich irgendwie in die Richtung geht, dass du dir was aneignest und es dann schon wieder in die Blackfacing-Richtung geht. Das finde ich natürlich auch total daneben.

Joy Chun: Genau, das ist auch nochmal ein Unterschied. Also Dialekte ist das eine, die eine Sache…

Tommy Krappweis: Ja, das ist ein Unterschied.

Joy Chun: Ja das geht, also finde ich schon.

Tommy Krappweis: Da ist ein großer Unterschied. Weil es nicht ethnisch ist.

Joy Chun: Absolut. Aber andere Sprachen, je nachdem wie man das einsetzt. Ja, wenn das herablassend wirkt, dann geht das wiederum nicht, finde ich.

Tommy Krappweis: Genau das ist der Punkt.

Ann-Kathrin Canjé: Tommy, du bist ja auch schon seit vielen Jahren im Geschäft und hast da den Wandel miterlebt. Und es geht ja in diesem Podcast um die Generation Alpha und die lernen ja auch ganz viel in Sachen Humor, wenn sie eben mit solchen Serien aufwachsen, wie ich beispielsweise mit Bernd. Und du hast mit Bernd eine Figur und ein Format entwickelt, dass seit über 20 Jahren, also wirklich eine lange Zeit schon erfolgreich funktioniert. Und somit hast du ja auch eben diese Erfahrung über einen sehr langen Zeitraum. Wie hat sich Bernd denn da so entwickelt?

Tommy Krappweis: Wir haben so viel produziert. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es nicht irgendwo irgendeinen peinlichen Ausschnitt gibt, wo Bernd ein rassistisches Baströckchen und Knochen in den Haaren hat. Das kann gut sein, weil das einfach vor 20 Jahren - leider, muss man sagen - diese Empfindung einfach noch nicht da, die man dringend schon längst hätte entwickeln müssen. Das wäre etwas, das würde ich niemals jemals heute noch einmal machen, sowas in der Art. Ich erinnere mich jetzt nur so schemenhaft oder vielleicht weiß ich auch einfach, wie Bernd als Klischee aussehen würde, wenn wir so etwas machen würden. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass wir in den 20 Jahren so etwas nicht auch mal irgendwie gemacht haben. Und diese Art von Dingen. Das würde ich wirklich, wirklich nie wieder machen und würde auch anderen Leuten, das wäre eine der wenigen Momente, wo ich mich einmischen würde, wenn ich sehe, dass andere Leute das machen, würde sagen: Das ist wirklich ekelhaft. Macht das nicht.

Joy Chun: Aber Bernd ist heute schon glutenfrei, oder? Das habe ich richtig verstanden.

Tommy Krappweis: Ja haha. Selbstverständlich.

Ann-Kathrin Canjé: Gibt es denn etwas, dass Bernd heute nie machen würde?

Tommy Krappweis: Da gibt es so viele Dinge. Also ich meine Bernd hat ja viele Dinge sowieso noch nie gemacht. Erstens, weil er nichts machen will. Und zweitens, weil wir immer wollten, dass er wirklich, wirklich intelligent ist und auch intelligent rüberkommt. Und auch bei aller Motzigkeit, wie soll ich sagen, vorsichtig ist. Also der Bernd ist ja nicht wirklich verletzend. Das liegt natürlich auch daran, dass er eine Handpuppe ist und der Bauchredner Effekt kickt. Also du kannst Bernd alles sagen lassen. Es hat sich noch nie irgendjemand über irgendetwas geärgert bei Bernd. Ich kann eigentlich nur sagen ich möchte mit Bernd wirklich, wirklich insbesondere beim Thema Rassismus und Ethnien und so weiter keine Gefühle verletzen.

Ann-Kathrin Canjé: Und würdest du sagen, jetzt aus deiner Perspektiven, eben weil du so lange dabei bist, dass der deutsche Humor sich verändert hat in den letzten Jahren? Etwa bei den Kindern?

Tommy Krappweis: Jein. Tatsächlich habe ich persönlich den Eindruck, dass er sich bei den Kindern - also zumindest das sehe ich jetzt vorrangig also bei meinen Kindern - dass er sich insofern verändert, dass sie nicht mehr so krass miteinander umgehen, wie wir das getan haben. Und so bedenkenlos. Also zum Beispiel was Fat-Shaming angeht. Das war bei uns ganz furchtbar. Aber auch so, dass ich es damals als normal empfunden habe und heute merke, wie Scheiße das war und merke, dass die Kinder rund um meine Tochter, zum Beispiel, das überhaupt nicht machen und das auch ganz furchtbar finden und das auch benennen. Und das finde ich ganz großartig. Und auch Sprüche, die in irgendeiner Form in die rassistische Richtung gehen. Da gibt es also auch dann immer direkt Gegenrede. Aber nicht, dass das dann zu Streit führt, sondern eher, dass die dann sich hinsetzen und sagen: Da reden wir jetzt mal drüber.

Ann-Kathrin Canjé: Joy, wie siehst du das? Auch vielleicht nochmal auf die Humorlandschaft bezogen im beruflichen Sinne?

Joy Chun: Ja, finde ich auch. Gerade bei „Moooment!“ haben wir mitbekommen, wie sensibilisiert Kinder bei einigen Themen schon sind. Die sind viel weiter, sind aufgeklärter und können Sachen schon benennen. Also klar spüren die, glaube ich, wenn irgendetwas diskriminierend ist. Aber dann genau zu wissen, was da jetzt gerade passiert und das benennen zu können, das fand ich schon ganz gut. Ich glaube, das hat sich schon so weiterentwickelt. Aber genau, wir haben uns auch im Vorfeld natürlich damit auseinandergesetzt: Was finden Kinder eigentlich witzig? Und ein paar Sachen bleiben gleich. Die finden auch Slapstick, absurden Humor - da fangen die an zu lachen und hören nicht mehr auf. Das ist, glaube ich, einfach drin und ist dann einfach ganz ungefiltert die Reaktion, die es dann bei Kindern hervorruft.

Ann-Kathrin Canjé: Ich denke auch mit den Fragen, die wir jetzt so bisher besprochen haben, hast du dich ja in deiner Arbeit, wie du gerade schon erzählt hast, mit beschäftigt. Und kurz mal zur Serie, um das nochmal einzuläuten: Da zeigen ja die Freund*innen Tayfun, Nadja, Johannes, Sam, Julia und Adaolisa auf witzige und empathische Weise, wie sie mit Alltagsrassismus umgehen. Und Joy, du hast gerade schon ein bisschen davon erzählt, aber vielleicht kannst du noch mal erzählen, wie ihr als Autor*innen-Team an so einem Comedy-Format für Kinder rangegangen seid, dass sich ja mit diesem ernsten, wichtigen Thema Alltagsrassismus beschäftigt.

Joy Chun: Ja, also erstmal war der Spagat, der da verlangt wurde, von Anfang an relativ groß, weil es wurde ja nach einem Sketch-Format für Kinder auf der einen Seite gefragt. Und auf der anderen Seite sollte Alltagsrassismus thematisiert werden. Und das war so die Herausforderung. Aber wir haben zum Glück die Freiheit gehabt, auch das Autorenteam so zusammenzustellen, dass wir die Hintergründe der Protagonist*innen auch abbilden konnten. Und das war gerade in den ersten Sitzungen, wo wir zusammensaßen, haben wir, weiß ich noch, über so eigene Erfahrungen aus der Kindheit gesprochen. Was in einem geschützten Raum superschön war. Teilweise wurde da zum ersten Mal was von Sachen erzählt, die da passiert sind. So haben wir uns dem Ganzen genähert. Wir haben, ich glaube, was der Kniff war für dieses Format war, so heißt die Sendung ja auch: „Moooment!“ - Sobald die Kinder das sagen, haben die halt die Fähigkeit, die Realität für einen Augenblick anzuhalten. Und es gibt denen halt die Möglichkeit, ganz in Ruhe darüber zu reden. Und die sind dann nicht mehr im Zugzwang und müssen sofort drauf reagieren oder müssen irgendwie mit der Situation umgehen, sondern sie können sagen: Moment, stopp mal. Was ist denn hier gerade passiert? Und können dann drüber quatschen auf der einen Seite. Und wir haben von dort aus die Möglichkeit immer gehabt, Sketche zu machen. Also so nach dem Motto: Ja, überlegt doch mal was wäre denn, wenn das so und so wäre? Und dann waren wir in irgendeiner Traumsequenz zum Beispiel.

Ann-Kathrin Canjé: Ich habe mir auch alle Folgen angeschaltet, musste oft wirklich sehr lachen und mich also als erwachsene Zuschauerin sehr amüsiert gefühlt. Aber ich habe auch ein gewisses Vorwissen, würde ich denken und mich deswegen auch gefragt: Ist es jetzt – du hast schon von dem Spagat gesprochen - aber ist das jetzt eher ein Aufklärungs- oder ein Comedy-Format? Welche Rückmeldungen habt ihr denn da so von den Kindern und Familien bekommen? Wie wurde das aufgefasst?

Joy Chun: Das war ja in einer sehr frühen Phase, als wir die erste Buchfassung hatten. Das gab es ja schon eine Medienforschung und Kinder durften sich das quasi in dem Fall anhören, weil es wurde noch nichts gedreht. Und die haben quasi die Skripte vorgelesen bekommen. Was ein bisschen schwierig ist, weil da muss man sich ja ganz viel vorstellen können. Gerade bei so Sachen, die visuell oder über eine Gestik nur funktionieren. Aber die Resonanz war zum Glück von Anfang an ganz gut, dass wir weiter halt den Weg gehen konnten, die wir am Anfang eingeschlagen haben. Weil hundertprozentig sicher konnten wir uns ja nicht sein. Also treffen wir damit auf der einen Seite den Humor der Kids und auf der anderen Seite, gehen wir richtig mit dem Thema um? Und das wurde uns relativ früh gespiegelt, dass wir zum Glück da einfach munter in die Richtung weiterschreiben konnten, die wir eingeschlagen hatten.

Ann-Kathrin Canjé: Tommy, du hast dir auch eine Folge angeschaut, habe ich eben gehört?

Tommy Krappweis: Ich habe reingeschaut, ja und hatte mir dieselbe Frage gestellt. Wobei ich die ja für die Leute, die draußen sich das angucken, völlig irrelevant finde. Es ist total scheißegal, was Leute denken, was es für eine Sendung ist. Solange sie gefällt und funktioniert und vor allem in diesem Fall jetzt auch das Sendungsbewusstsein trägt. Ich würde es auch eher als ein Aufklärungsformat sehen und nicht per se als Comedy-Show, weil es ein großes Sendungsbewusstsein wie eine, in dem Fall aber wirklich nur rund um positive, Resonanz vor sich herträgt. Es hat den Zweck aufzuklären. Das tut das Format aber mit wirklich tollen Gags und mit wahnsinnig viel Einfallsreichtum. Ich finde es wirklich richtig, richtig, richtig geil, richtig toll.

Joy Chun: Dankeschön.

Tommy Krappweis: Großes Kompliment vor allem auch vor dem Hintergrund, dass wir diesen Pitch auch geschickt bekommen haben und ich gesagt habe: das möchte ich nicht machen. Ich möchte es nicht machen, weil a) ich kann mir keine Sketch-Show - Sketch-Show wohlgemerkt - Comedy-Sketch-Show vorstellen, die so einem Auftrag gerecht wird. Ihr habt es jetzt einfach so gemacht. Was heißt einfach? Also ihr habt euch bestimmt viele Gedanken dazu gemacht und es wurde letztendlich, meiner Meinung nach, eben zu einem wahnsinnig lustigen und sehr kreativen Aufklärungsformat. Hätte der Aufruf so geklungen, hätte ich es mir vielleicht auch überlegt. So habe ich direkt abgesagt. Ich habe noch den Vorschlag gemacht, ich habe gesagt, ich würde wenn man das Thema Rassismus - also wenn ich mit meinen Skills das Thema Rassismus aufgreifen würde, natürlich mit entsprechendem Autorenteam - würde ich es fiktional machen und würde Geschichten erzählen von Figuren, die bestimmte Dinge schaffen oder nicht schaffen. Und also einfach versuchen das darzustellen, aber eben auch nicht eher aufklärerisch, sondern einfach am Beispiel. Und Figuren in eine Situation bringen lassen, aus der sie dann in irgendeiner Form zusammen oder alleine oder gar nicht rauskommen. Das wäre so mein Ansatz gewesen, also eher eine Sitcom zu machen. Und ihr habt halt diese Mischform gewählt und ich finde das absolut beachtlich und wäre so jetzt per se nicht ansatzweise auf die Idee gekommen, das so zu machen und finde das wirklich ganz toll.

Ann-Kathrin Canjé: Ja, und für alle die zuhören, werden wir auch noch einmal die Folgen am Ende online verlinken. Und da auch noch mal auf das Stichwort „nach oben -“ oder „nach unten treten“ zu kommen. Was kann denn aber trotzdem - ob es jetzt Aufklärungs- oder Sketch-Format ist - was kann deutsche Comedy von einem Kinderformat wie „Moooment!“ lernen, Joy?

Joy Chun: Also wir haben uns dadurch auch am Anfang die Frage gestellt: An wen richten wir uns? Also es kann, hätte ja auch sagen können, dass wir sagen, wir machen das aufklärerisch nach wie vor, aber in dem Fall sind es vielleicht die Eltern der Kinder, die da auch mit einbezogen werden sollen. Tut es jetzt vielleicht indirekt. Aber wir wollten dieses Gefühl halt mitgeben für Kinder, die diese Erfahrungen gemacht haben oder machen mussten. Ja, dass man das teilen kann. Und das hilft ja schon zu sagen: Okay, ist die Erfahrung, die ich da gemacht habe, kann ich jetzt einordnen und benennen. Und wir haben hier und da auch versucht zu sagen: Okay, wenn dass der Fall ist, gibt es diese Option, wie man darauf reagieren kann. Man muss es nicht tun, aber man kann es machen. Also wenn das Format am Ende dazu geführt hat, dass es auf der einen Seite, dass die Kids untereinander drüber quatschen, dann wäre das super.

Tommy Krappweis: Ich finde viele viele Erwachsene sollten sich diese Sendung anschauen, denn gerade dadurch, dass es aus der Perspektive der Kids passiert, ist es auch empathisch.

Ann-Kathrin Canjé: Tommy, ich habe da was gefunden.

Tommy Krappweis: Oh Gott.

Ann-Kathrin Canjé: Du hast in einem Interview - das ist schon eine Weile her. 2003, also quasi nach Bernds Geburt - in der taz gesagt - und da bin ich beim Lesen über ein Wort gestolpert. Aber das nur am Rande - Ich zitiere mal: „Alle die Bernd gut finden, sind Querdenker. Ob es jemand ist, der zu viel kifft, was ich nicht so toll finde, oder ob sich jemand philosophisch mit der Welt auseinandersetzt oder jemand, der einfach nur dem Humor im Leben den Vortritt gibt. Die Fans von ‚Bernd das Brot‘ sind Leute, die eine besondere Art der Sicht haben und schon immer hatten. Die einen gewissen Schuss Ironie mögen. Die sich mit Bernd identifizieren können, weil sie sich verstanden fühlen.“ Das klingt ja sehr erwachsen. Was können wir in Sachen Humor von Bernd lernen? Wie schafft er es sozusagen Groß und Klein abzuholen?

Tommy Krappweis: Naja, also bei Bernd gibt es natürlich viele verschiedene Aspekte. Die ganz Kleinen lachen eher über den Slapstick und dass Bernd halt einfach so lustig aussieht, wie er aussieht. Und je älter sie werden, das ist aber schon relativ früh, also schon, also in der Grundschule ist Ironie ein Ding, was verstanden wird. Insbesondere von Bernd. Was können wir von Bernd lernen? Also ich finde, dass man von Bernd tatsächlich, das ist etwas ganz Banales, eine gute Sprache lernen kann. Weil er wahnsinnig komplizierte Wörter verwendet. Weil er sich überhaupt nicht… weil er überhaupt nicht versucht, etwas kindgerecht im Sinne von infantil auszudrücken, damit es jeder versteht. Nein, der spricht so, wie er spricht. Er zitiert Goethe, Sartre und keine Ahnung was - „Die Hölle, das sind die anderen“ und so weiter - macht das einfach. Und das finde ich ganz, ganz toll, weil ich ist als Kind auch immer toll fand, wenn es einfach manche Sachen gab, die ich vielleicht jetzt noch nicht verstanden haben, aber ein halbes Jahr später verstanden habe. Oder erst verstanden habe, als ich das Ding noch mal volljährig geguckt habe, auch in Ordnung. Das finde ich super. Also man wächst so ein bisschen mit und an Bernd. Wenn man das möchte, kann man das. Und das andere ist natürlich, dass Bernd dir vorlebt, dass du mit Humor und Selbstironie weniger verletzlich bist. Das ist das also jetzt puncto Humor. Und dann gibt es noch einen ganz, ganz großen Punkt. Nämlich, ist vielleicht der wichtigste: Es ist total okay, wenn es dir mal nicht gut geht. Das ist völlig in Ordnung. Sag’s einfach. Also du musst dann nicht dich von deinen Eltern mit Sanostol oder Vitamin B12 hoch dopen lassen oder sonst was, sondern es ist total okay, wenn du jetzt einfach mal sagst: „Mann, ist das ein Scheißtag. Ich habe jetzt echt kein Bock drauf.“ Sag's halt. Und sorg dafür, dass Menschen um dich herum auch mal akzeptieren, dass es dir mal nicht gut geht. Und es gibt also ein Originalzitat. Es hat irgendeine Journalistin, hat mal erzählt, dass ihre Tochter oder ihr Sohn gesagt hat: „Mama, ich fühle mich heute brotig. Aber das geht wieder vorbei.“ Perfekt. Das ist die Quintessenz dessen, was Kinder von Bernd lernen können.

Ann-Kathrin Canjé: Süß, und was sie auch an ihm gleichermaßen fasziniert. Und ich glaube, ihr seid jetzt beide nicht so die Theoretiker und habt jetzt auch schon viel aus eurer Berufserfahrung erzählt. Daraus können wir, glaube ich, schon sehr viel lernen und mitnehmen. Aber wenn jetzt einen Tipp geben könntet, vielleicht auch für Medienschaffende, die zuhören: Wie sollte man denn am besten rangehen, wenn man einen Comedy-Kinderformat erarbeiten möchte oder Witze für Kinder eben schreibt? Was braucht es da?

Joy Chun: Also, was wir, habe ich vorhin schon gesagt aber sehr genossen haben ist, dass wir wirklich in einem großen Autorenraum arbeiten konnten. Also es hätte ja auch anders laufen können. Also so, wie man es halt auch oft, die Erfahrung haben wir auch oft gemacht, dass man sagt: „Okay, das ist das Format. Das Budget sieht so aus. Viel Spaß.“ Und dann sind es halt ein, zwei, drei Autoren. Und so war es halt super wichtig, dass wir teilweise zu acht an dem Format geschrieben haben. Das fand ich gut, dass wir diesen Raum bekommen haben. Auch bei der Entwicklung, dass auch im engen Austausch mit KiKA, dass wir da große Freiheiten bekommen haben. Das war super.

Tommy Krappweis: Freiheit ist das Allerwichtigste bei Comedy.

Ann-Kathrin Canjé: Ich finde es wichtig, Tommys und Joys Erzählungen aus ihrer Berufserfahrung mitzunehmen für redaktionelles Zusammenarbeiten, wenn es auch darum geht neue Formate für die Generation Alpha entwickeln zu lassen. Und über die haben wir bisher im Gespräch nur am Rande gesprochen, haben aber auch noch einmal auf die Kinder geschaut - ganz konkret in Bezug auf Humor. Kinder sind übrigens in der Humorforschung bis zur Mitte des 20.Jahrhunderts nicht wirklich berücksichtigt worden. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud habe sogar behauptet, dass Kinder gar keinen Humor besitzen würden, weil sie ihn nicht brauchen würden, um sich glücklich zu fühlen. Dabei fängt nach modernen Humorforschungsstudien zwischen zwei und drei Jahren schon Humorbildung in Form von Sprachwitzen an. Von Joy und Tommy wollte ich wissen, welchen Stellenwert Humor aus ihren Augen denn überhaupt für die Generation Alpha hat.

Joy Chun: Einen riesigen Stellenwert hat Humor bei Kids. Ich glaube, wenn man die beobachtet, also jetzt unabhängig von irgendwelchen Formaten, dann merkt man das ja auch, wie die mit Humor umgehen. Es ist auch mit zunehmendem Alter und welche Facetten die dazu lernen... Also wir haben ganz am Anfang darüber gesprochen, dass man so ein bisschen den Druck rausnimmt, wenn es eine sehr, sehr schwierige Situationen ist. Oder einfach… es schweißt ja auch zusammen, wenn man gemeinsam über Sachen lachen kann. Deswegen hat das einen sehr hohen Stellenwert. Ich finde es toll, dass es bei so Acht-, Neun-, Zehnjährigen halt so komplett ungefiltert rauskommt. Entweder es wird dieser Lach-Impuls ausgelöst oder eben nicht. Ich finde Kindergeburtstage sind das schwerste Publikum was man haben kann aus eigener Erfahrung. Wenn da Stille ist es halt still, da kannst du den Gag auch nicht erklären. Das bringt gar nichts.

Tommy Krappweis: Das ist ja generell bei Humor so, dass du kannst einem Testpublikum einen Thriller zeigen. Dann ist halt Stille. Du kannst ihnen ein Drama zeigen, es wird still und jemand schnieft. Aber wenn du ihnen Comedy zeigst und keiner lacht, dann weißt du ganz genau, irgendwas funktioniert nicht. Und Kinderhumor ist für Kinder fast - also natürlich gibt es viele andere Dinge, die wichtig sind für Kinder, wo sie selber jetzt das nicht so definieren würden - aber generell ist so, Lachen ist, meiner Meinung nach kann man gar nicht überschätzen, so wichtig ist das.

Ann-Kathrin Canjé: Und auch wenn wir auf aktuelle Krisen der letzten Jahre schauen, in Zeiten von Corona oder eben auch Kriegen: Müssen Kinder da auch einfach eben mal lachen dürfen. Und wenn ja, wie kann Humor da helfen?

Joy Chun: Gerade in solchen Situationen ist es, glaube ich, unglaublich wichtig, dass man ein Ventil findet, und das ist ja Lachen, damit umzugehen. Damit im spielt man das ja nicht runter, sondern es ist ja eine Art des Umgangs und vor allen Dingen für Kids eine die hilft.

Tommy Krappweis: Und es ist ja auch so, uumindest als ich aufgewachsen bin, war ja dieser Druck des Kalten Krieges allgegenwärtig. Also die Gefahr eines Atomschlags und all diese Dinge lauerten die ganze Zeit. Und trotzdem haben wir gelacht oder gerade deswegen, keine Ahnung. Aber das ist auf jeden Fall extrem, extrem wichtig. Man kann es gar nicht überschätzen.

Joy Chun: Ja, gerade bei heiklen Themen oder bei schwierigen Themen ist es ja super wichtig oder schön, wenn man sich mit Humor dem Ganzen annähern kann, ohne die Ernsthaftigkeit des Themas… also dass es dann darunter leidet.

Tommy Krappweis: Ja, und selbst wenn es ein Format ist, das einfach nur Leute zum Lachen bringt und damit Leute zum Lachen bringt, ist das auch genauso Dienst an der Gesellschaft wie alles andere auch. Unterhaltung ist auch Teil dieses Auftrags, den das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat. Und auch wenn es ein Eskapismus ist, ist das okay. Und das kann doch nicht sein, dass man sagt: Ja, in dem Moment, wo zum Beispiel ein Kind ein Buch liest und es ist aber Fantasy, ist das dann wertvoll, weil es im Buch ist. In dem Moment, wo es aber Fernsehen ist und es ist Eskapismus, ist es dann verboten, weil es in ein Ding hineinschaut. Das halte ich einfach für Bullshit. Unterhaltung ist wichtig.

Ann-Kathrin Canjé: Ich unterstreich nochmal - Unterhaltung ist wichtig für die Kinder der Generation Alpha und wird das hoffentlich auch in Zukunft bleiben. Und in die wollen wir jetzt in Richtung Ende unseres Gesprächs noch einmal blicken. Tommy, was ist denn deine Zukunftsvision für die Generation Alpha? Was wünschst du dir für sie in Sachen Humor?

Tommy Krappweis: Ich glaube, dass diese Generation es nicht nötig hat, dass man sich für sie humortechnisch etwas wünscht, außer vielleicht, dass sie den Weg weiter beschreitet, den sie schon beschreitet: Nämlich zu versuchen, weniger Gefühle von Menschen zu verletzen, die sich schwer wehren können. Aber so grundsätzlich wünsche ich mir für die Generation Alpha, dass entweder die vorherigen Generationen, die jetzt momentan noch an den Stellhebeln sitzen, raffen, wie viel Scheiße sie bauen und umkehren. Oder dass die Generation Alpha, wenn sie dann irgendwann mal an diesem Hebel sitzt, ihn in die richtige Richtung stellt. Hoffentlich vorwärts und nicht rückwärts.

Ann-Kathrin Canjé: Joy, was ist denn deine Zukunftsvision?

Joy Chun: Das was Tommy gesagt hat… Es ist halt eine mega komplexe Frage.

Ann-Kathrin Canjé: Oder was wäre dein Wunsch, was die zum Beispiel von „Moooment!“ mitnehmen?

Joy Chun: Naja, was wir ja gemacht haben bei „Moooment!“ war einen Freundeskreis von diesen sechs Kids zu schaffen, die es irgendwie geschafft haben, untereinander alles anzusprechen und mit Themen umzugehen und mit einer gewissen Leichtigkeit auch. Das ist so ein bisschen eine Wunschwelt auch, die wir damit geschaffen haben. Und bei uns im Autor*innenraum war es auch so, dass wir, wenn wir von diesen Erfahrungen erzählt haben, war das oft so diese Perspektive, dass wir alleine damit waren. Und damit gar nicht mal alleine betroffen, sondern wir haben halt mit niemandem darüber gesprochen. Und ich würde das Kids wünschen, dass die, es muss ja keine Clique sein. Aber es muss, also wenn es so ein Umfeld gibt, wo die genau das machen können, fände ich schön.

Ann-Kathrin Canjé: Und wir kommen zur letzten Frage, die auch immer den Podcast abschließt. Wenn du, oder wenn ihr gleich morgen eine konkrete Maßnahme für die Generation Alpha treffen könntet. Da jetzt schon mit Blick auf Humor, beispielweise in den Kindermedien. Was wäre das?

Tommy Krappweis: Also ich würde einen Freiraum schaffen, also in dem Medium für dass ich da in dem Fall dann verantwortlich wäre, der Scheitern zulässt. Also wirklich einen Spot in einem hochfrequentierten Time-Slot am Tag, der regelmäßig ist, der sich nie ändert, wo mit Ansage gesagt wird: Hier finden kreative Dinge statt und es interessiert uns überhaupt nicht, wie viele Menschen da zugucken. Denn nur in so einem Environment, glaube ich, kann man tatsächlich wirklich richtig ausprobieren. Wenn da so wahnsinnig viel Geld auf dem Spiel steht und gleichzeitig auch eine Erwartung an eine bestimmte Quote ab Sendung Eins, ist das so gut wie unmöglich. Und ich finde das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das ist genau diese Einrichtung, die so etwas gefälligst zu ermöglichen hat. Das ist zumindest meine Sicht der Dinge. Und da sollte man dann an einer exponierten Stelle Kreativität wagen, nicht viel kommentieren, einfach mal machen lassen. Das finde ich wirklich, wirklich, wirklich wichtig.

Ann-Kathrin Canjé: Joy, was wäre deine konkrete Maßnahme?

Joy Chun: Na gut Tommy, nach der Maßnahme kommt meine Maßnahme wesentlicher stumpfer daher.

Tommy Krappweis: Wir nehmen einfach, wir machen einfach beide.

Joy Chun: Ja, was mich so ein bisschen immer stutzen lässt ist - das kennt ihr alle - wenn ich Kids im Restaurant sehe, die mir ihren Eltern da sitzen oder teilweise auch mit Geschwisterkindern, haben die ein iPad vor sich stehen und glotzen. Es ist halt zu so einem gewohnten Bild geworden und mich macht es immer so ein bisschen traurig das zu sehen. Weil, das Medien konsumiert werden ist ja die eine Sache, aber das es dann so… ja, in dem Fall irgendwie stumpf. Und eben gegenteilig von dem, dass es eben keine gemeinsame Zeit mit anderen zulässt, sondern eher ein bisschen destruktiv daherkommt. Das finde ich schade. Und meine Maßnahme wäre deswegen, ist noch nicht zu Ende gedacht, dass sich in Restaurants die Kinder zusammen mit den Eltern diese Videos anschauen. Aber vielleicht ist das auch die falsche Richtung.

Ann-Kathrin Canjé: Ja, sehr schön. Zwei sehr unterschiedliche Ansätze. Und mit einem berndschen Oberdoppelriesenmist müssen wir jetzt zum Schluss kommen. Es war sehr schön mit euch zu sprechen, Joy Chun und Tommy Krappweis. Über das weite Feld Humor, über Freiheit und Vertrauen, die die Humor-Medienlandschaft der Generation Alpha braucht. Danke, dass ihr meine Gäste wart.

Joy Chun: Vielen Dank.

Tommy Krappweis: Sehr gerne.

Joy Chun: Hat großen Spaß gemacht. Dankeschön.

Ann-Kathrin Canjé: Ich finde, wir haben nach dem Motto dieser Folge gut gelacht, aber vor allem auch ernsthaft über Humor in unserer Gesellschaft heute nachgedacht. Was ich in meine Wissenstüte packe, aus dieser Folge, sind die ganz großen Schlagwörter Freiheit und Vertrauen. Die sind auch im Comedy-Bereich wichtig, damit Formate wie „Bernd das Brot“ oder „Moooment!“ überhaupt entstehen können und der Generation Alpha Freude bereiten und auch in Zukunft neue Vorbilder entstehen. Und dass die Comedy-Szene in Zukunft noch mehr dazulernt, wie Humor bestimmte Themen anspricht, ohne zu verletzen. Und eine Sache gebe ich an dieser Stelle auch noch zu: Ich wollte diese Podcast-Folge eigentlich mit Witzen beginnen und meine Gäste Witze erzählen lassen, habe dann aber mitbekommen, dass das Comedians immer gefragt werden und es dann doch gelassen. Deswegen für alle, die bis hierhin gehört haben und Witze vermisst haben. jetzt noch mein persönlicher Lieblingswitz, sehr schnell erzählt: Was essen Autos gerne? Parkplätzchen. Das lasse ich jetzt mal so stehen. Wenn Sie jetzt Lust haben auf weniger schlechte Witze, dafür aber gute Gesprächspartner*innen und Themen wie Kinderrechte, Kinofilme oder Medienjournalismus. Hören Sie wieder rein. Jeden zweiten Mittwoch gibt es eine neue Folge. Die finden Sie auf dem KiKA Kommunikationsportal, in der ARD Audiothek und auf allen gängigen Podcast-Plattformen. Und auch auf kommunikation.kika.de. Da finden Sie zum Beispiel die Serien, über die wir heute gesprochen haben und auch die jeweiligen Transkripte zu den einzelnen Podcast-Folgen. Mein Name ist Ann-Kathrin Canjé. Ich freue mich, Sie bald wieder an dieser Stelle begrüßen zu dürfen. Bleiben Sie gesund und bis zum nächsten Mal.

[Intro] „Generation Alpha – Der KiKA-Podcast“

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